Wie mich jemand mit Wikipedia in die Abmahnfalle gelockt hat

Georg Rosenbaum ist ärgerlich beim Schreiben  dieses Blogbeitrags

Georg Rosenbaum beim Verfassen dieses Blogbeitrags.

Internet / Blogging. Wikipedia ist eine der meist besuchten und beliebten Seiten im Internet. Die Plattform hat es sich zum Ziel gemacht, Inhalte für jedermann „frei verfügbar“ zu machen. Unzählige Nutzer bereichern die Online-Enzyklopädie uneigennützig und unentgeltlich mit Beiträgen, Wissen und freien Inhalten. Wikipedia gilt als sehr zuverlässige und auch vertrauenswürdige Internetseite.

Auch für Blogger wie mich ist es verlockend, auf vermeintlich „freies“ und kostenloses Bildmaterial für ihr Blog zurück zugreifen. Wikipedia bietet auf seiner Medienplattform Wikimedia Commons Millionen Bilddateien an, die man angeblich „frei“ nutzen kann, zum Beispiel auf einer Website.

Das Einbinden eines Fotos von Wikipedia Commons auf meiner Internetseite ist mir allerdings zum teuren Verhängnis geworden. Der Wikipedia-Nutzer Max Mustermair (Name geändert) hat mich in eine Abmahnfalle gelockt. Der Münchner bietet laut eigener Homepage gewerblich Foto- und Internetdienstleistungen  an. Auf Wikipedia Commons hat er unzählige Bilddateien bekannter Persönlichkeiten von Bundeskanzlerin Angela Merkel über Ministerpräsident Horst Seehofer bis zur Vorzeigefeministin Alice Schwarzer hochgeladen. Wohl alle seine Dateien stehen unter der Freien Lizenz CC-BY 3.0, dass heißt, sie dürfen auf fremden Internetseiten weiterverwendet werden. Bedingung: Werkstitel, Name des Urhebers, Link auf das Werk und/oder den Urheber und Link auf die Lizenzurkunde bei Creative Commons müssen hinzugefügt werden. Herr Mustermair nimmt es sehr genau mit dem Lizenzrecht. Was geschieht, wenn man diese Bedingungen nicht eingehalten hat, musste ich selber knallhart erleben.

Ich verwandte sein Bild von Angela Merkel für einen Blogbeitrag über eine Kundgebung mit der Bundeskanzlerin in Cloppenburg vor der Bundestagswahl im vergangenen Juli.  Das Bild hatte ich von Wikipedia aus in meinem Blog eingefügt.  Ich hatte das Bild zwar auf die Internetseite verlinkt, auf der es bei Wikipedia mit genauer Angabe des Eigentümers eingebunden ist. Und ich hatte auch auf die Bildquelle “Wikipedia” hingewiesen. Aber ich hatte es fahrlässiger Weise unterlassen, weder seinen Namen noch die Lizenz in der Bildunterschrift zu vermerken.

Mit dieser Nutzung seines Bildes war Herr Mustermair nicht einverstanden. Er sei da “sehr empfindlich”, gehe aber vorerst von einem “Irrtum oder jedenfalls keinen bösen Willen” aus, schrieb er mir in einem ersten „blauen Brief„, den ich kurz vor Weihnachten erhielt. Er sandte er mir zunächst „anstelle einer Schadensersatzforderung die Bitte”, die korrekten Angaben zu seinem Bild sofort zu ergänzen. Daraufhin löschte ich unmittelbar nach Erhalt seines Briefes den Blogbeitrag mit seinem Bild und schickte ihm eine Benachrichtigung per Email mit der Bitte um Entschuldigung. Umso erstaunter war ich, als ich nur wenige Tage später von Mustermair einen  weiteren Brief erhielt. In diesem Schreiben teilte er mir mit, dass er mit der Löschung meines Beitrags und seines Bildes von meiner Homepage  nicht einverstanden war. Ich sei seiner Aufforderung nicht gefolgt, sein Bild mit dem von ihm geforderten Urheber- und Lizenznachweis zu versehen. Deshalb fordere er mich nun auf, innerhalb von zwei Wochen als Schadensersatz und für die Nutzung seines Fotos auf meiner Internetseite den Betrag von 240 Euro zu zahlen, ansonsten werde er ein gerichtliches Verfahren gegen mich einleiten. Außerdem müsse ich eine Unterlassungserklärung unterschreiben.

Ich war geschockt und wandte mich daraufhin an einen Rechtsanwalt. Der Anwalt meines Vertrauens beruhigte mich sofort, als ich ihm den gesamten Vorgang vorlegte: Mit seinem ersten Schreiben habe Mustermair bereits auf seinen Anspruch auf Schadensersatz- und Nutzungsentgelt verzichtet, falls ich die Verletzung der Lizenzbedingung fristgerecht beende. Mit der sofortigen Löschung des Bildes habe ich mehr erfüllt, als Mustermair von mir verlangt habe. Damit sei nicht nur die fehlerhafte Verwendung der Lizenz beseitigt sondern sogar die komplette Nutzung eingestellt worden. Mein Anwalt teilte dies Mustermair schriftlich mit.

Nur wenige Tage später erreichte uns die Antwort des Anwalts von Herrn Mustermair. Er widersprach unserer Ansicht, dass ich die Bedingungen von Herrn Mustermair mit der Entfernung des Bildes von der Homepage erfüllt habe. Er stellte mir mit dem Schreiben gleichzeitig die erhöhte Schadensersatzforderung von 350 Euro für Herrn Mustermair sowie eine Anwaltsrechnung von ca. 400 Euro zu. Ich müsse die Gesamtsumme innerhalb 10 Tagen auf sein Konto überwiesen haben (Zahlungseingang), ansonsten drohe mir ein Gerichtsverfahren.

Mein Anwalt war genauso entsetzt wie ich über diese Reaktion und riet mir, es auf das Verfahren ankommen zu lassen. Dazu müsse ich mir allerdings einen Anwalt in München suchen. Das Risiko schien mir allerdings zu hoch. Schließlich war ich anscheinend in die Falle eines Anwalts gekommen, der sich auf solche Abmahnverfahren spezialisiert hat. Wenn er für ein Schreiben schon 400 Euro kassiert, wie hoch würden wohl seine Rechnung und die zusätzlichen Gerichtskosten ausfallen, wenn ich verliere? Das Recht haben und Recht vor Gericht bekommen zwei unterschiedliche Dinge sind, ist jedem bekannt. Außerdem wollte ich diesen Spuk ein schnelles Ende bereiten. Daher habe ich die Forderung meiner Gegenpartei erfüllt und das Geld überwiesen.

Die Abmahnung von Wikipedia-Nutzern, die Wikipedia-Bildern unter CC-Lizenz nicht gesetzeskonform genutzt haben,  ist ein „Volkssport“ geworden, Die dabei Angemahnten zahlen durchschnittlich 700 Euro, berichtet die taz. Zum Vergleich: Ein vergleichbares Bußgeld erhält jemand auferlegt, der mit 140 km/h statt 50 km/h im Straßenverkehr erwischt wurde. Ein Gesetz, diese Abmahnforderungen auf 100 Euro zu begrenzen, soll, so die taz in ihrem Beitrag, auf dem Weg sein. Man kann nur hoffen, dass dieses Gesetz möglichst schnell verabschiedet wird. Es ist unhaltbar, dass Verstöße gegen die CC-Lizenz genauso hart geahndet werden, als hätte man ein nicht „frei“-gegebenes Bild unrechtmäßig verwendet. Nur so wird dieser sehr attraktiven Einnahmequelle aus solchen Abmahnungen  für Leute wie Herr Mustermair einen wirksamer Riegel vorgeschoben.

Der  Imageschaden für Wikipedia durch solche Streitigkeiten und Forderungen ist schwerwiegend. Schließlich ist es laut eigener Darstellung das Ziel von Wikipedia, durch „freiwillige und ehrenamtliche Autoren“ eine Enzyklopädie aufzubauen, die anderen kostenlos Inhalte zur Verfügung stellt. Dass Herr Mustermair ganz bewusst gegen diese Grundsätze von Wikipedia verstößt, zeigt er auch in seinem eigenen Weblog, in welchem er über den angeblichen „Bilderklau“ auf Wikipedia lamentiert, aber mit keinem Wort auf die Intention dieser Seite eingeht. Ich vermute, dass Herr Mustermair bereits zahlreiche ähnliche Abmahnverfahren gegen andere Wikipedianer geführt hat und führen wird. Und dabei ordentlich „Schadensersatz“ für seine vielen Wikipedia-Dateien kassiert. Und zwar für Bildmaterial meist älteren Datums, für das er wohl ansonsten auf dem freien Markt keinen Cent mehr erhalten würde.

Das kann nicht im Interesse von Wikipedia sein. Ich bin darüber sehr verärgert. Über Jahre habe ich – wie viele andere – mein Wissen der Wikipedia ehrenamtlich und kostenlos in mehreren Beiträgen zur Verfügung gestellt. Und nun wurde ausgerechnet Wikipedia für mich zur teuren Abmahnfalle. Am liebsten würde ich mein Benutzerkonto und alle Beiträge von mir auf Wikipedia sofort entfernen. Dies ist allerdings nicht möglich. Auf jeden Fall stelle ich meine Mitarbeit bei Wikipedia. ein. Auch werde ich nach diesen negativen Erfahrungen vermeiden, auf Inhalte von Wikipedia zu verweisen und dieses Angebot in anderer Weise zu unterstützen. Mein positives Bild von Wikipedia hat schwere Kratzer bekommen.

(Ich habe diesen Beitrag jetzt mehrere Monate nach meiner Zahlung in meinem Blog veröffentlicht. Von Herrn Mustermair und seinem Fachanwalt habe ich nicht einmal eine Bestätigung erhalten, dass ihre „Forderungen“ erfüllt wurden und der Fall damit für sie erledigt sei.)

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